Nachklang: Konzert "Über das Jenseits hinaus - Musik des Trostes"

Bild: Pixabay (halo-732_1280)

Der langjährige Tübinger Professor für Praktische Theologie Ottmar Fuchs schreibt in seinem Artikel „Trösten/Trost“ für das Praktische Lexikon für Spiritualität (hg. von Christian Schütz, Freiburg i. Br. 1992, 1307–1315, 1307f.): „Der Begriff des Trostes hat sowohl vom Zusammenhang der neuzeitlichen Religionskritik (‚Vertrösten’ auf ein Jenseits hin) als auch im alltäglichen Sprachgebrauch (wer Trost braucht, ist mit sich am Ende) keinen guten Klang.“ Demgegenüber ist nach Fuchs der biblische Trostbegriff ein zentraler Schlüsselbegriff für den Glauben: „Ohne die Wirklichkeit des Trostes und des Tröstens ist Glaube nicht zu denken.“

Tatsächlich weist gemäß dem Grimmschen Wörterbuch schon die Wortgeschichte des Begriffs auf diese tiefere Bedeutung hin: Das Wort Trost gehört zur indogermanischen Wurzel deru / dreu, was „Festigkeit“ bedeutet. Auch das englischer trust, „Vertrauen“ oder trusty, „vertrauenswürdig“ gehört zur Wortfamilie.

In der Spiritualitätsgeschichte wird dies zu einem dialogisches Geschehen: Gottes Vertrauenswürdigkeit, die sich durch seine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zeigt, beantwortet der Menschen mit Treue im Glauben. Aus dieser „Begegnungsgeschichte“, wie Fuchs es nennt, erwächst Trost. Es ist eine Glaubensdynamik, die in die Zukunft weist und Hoffnung, der wir uns im Sommersemesterkonzert widmen werden, nährt.

Unsere Zeit ist von Unsicherheit, Unruhe und Verlusten geprägt. Viele sehnen sich nach etwas, das Halt gibt – nach existenzieller Geborgenheit, nach Vertrauen. Vielleicht auch: nach Trost.

Die Werkauswahl des Wintersemesterabschlusskonzertes des Uni-Vokalensembles Passau am 7. und 8. Februar 2026 kündete vom christlichen Trost, dessen Wesen nicht darin besteht, eine Situation sofort völlig zu verändern oder bloß oberflächliche Freude zu erzeugen. Vielmehr spiegeln sie jenes tiefe Beziehungsgeschehen wider, das für den biblischen Trostbegriff zentral ist und aus dem Halt und Vertrauen erwachsen können – eine existenzielle Geborgenheit im Glauben.

So etwa in den beiden Trauerkantaten von Telemann und J. Sebastian Bach, die in einer Situation der Grenzerfahrung nicht auf ein fernes Jenseits vertrösten, sondern die biblische Botschaft musikalisch deuten und damit im Hier und Jetzt einen Blick quasi hinter das Jenseits öffnen. Oder in den Motetten von Heinrich Schütz, die im Angesicht des Dreißigjährigen Kriegs entstanden sind, dessen Folgen katastrophal waren: Verwüstete Felder, geplünderte Vorräte, extreme Kälteperioden, Hungersnöte – und Epidemien wie die Pest, denen wohl ein Drittel der damaligen deutschen Bevölkerung zum Opfer fiel. Im Jahr des Kriegsendes, 1648, veröffentlicht Schütz seine Geistliche Chormusik, ein Kompendium an Trost- und Friedensmotetten, darunter auch die beiden für das Konzert ausgewählten Motetten.

Dass dieses Programm und seine Darbietung sowohl inhaltlich als auch musikalisch überzeugte, zeigte sich in den zahlreichen Reaktionen des Publikums bei an beiden Abenden voll besetzter Kirche ebenso wie in der sehr positiven Resonanz der Presse, die insbesondere die interpretatorische Geschlossenheit, das äußerst hohe musikalische Niveau und die künstlerische Ausdruckskraft hervorhob.

Programm (in alphabetischer Reihenfolge der Komponistenfamiliennamen):

J. Sebastian Bach (1685–1750): Kantate „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ (Actus tragicus; BWV 106)
Johann Schelle (1648–1701): Kantate „Herr, lehre uns bedenken“ und Motette „Komm, Jesu, Komm“
Heinrich Schütz (1585–1672): „Selig sind die Toten“, aus: Geistliche Chormusik 1648 (op. 11, Nr. 23; SWV 391) und „Also hat Gott die Welt geliebt“, aus: Geistliche Chormusik 1648 (op. 11 Nr. 12; SWV 380)
Georg Philipp Telemann (1681–1767): Kantate „Du aber, Daniel, gehe hin“, TVWV 4:17

Foto: Gertrud Brunnbauer

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