Nachklang: Bachkantatenkonzerte “Mit ganzem Herzen”
Gestaltung: Grafikabteilung des Bistums Passau
Drei Kantaten Johann Sebastian Bachs, drei Konzertorte und ein verbindender Gedanke: Unter dem Titel „Mit ganzem Herzen“ erklangen am 2., 3. und 4. Oktober 2026 in Freyung, Passau und Landau an der Isar drei Werke, die auf unterschiedliche Weise von der Liebe handeln: von der Liebe Gottes zum Menschen, von der Liebe des Menschen zu Gott und von der Liebe zweier Menschen zueinander. Verbunden sind sie durch den Gedanken des Ja-Sagens mit ganzem Herzen.
Den Anfang machte Bachs Kantate „Meine Seel erhebt den Herren“ (BWV 10), die er 1724 für das Fest Mariä Heimsuchung komponierte. Im Mittelpunkt steht das Magnificat, der Lobgesang Mariens aus dem Lukasevangelium. Ihm geht das „Fiat“ Mariens voraus: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ Mit diesem Ja zu Gottes Wirken im eigenen Leben öffnet Maria den Weg für die Menschwerdung Christi, in der Gottes Liebe zu den Menschen sichtbar wird. Es ist ein Ja, das auf Vertrauen gründet und sich im Magnificat zum Lobpreis auf Gottes Handeln an der ganzen Welt weitet.
Die 1726 entstandene Solokantate „Gott soll allein mein Herze haben“ (BWV 169) stellt die Gottesliebe in den Mittelpunkt. Eine besondere Verbindung zwischen Entstehungszeit und Aufführung ergab sich dabei in Landau an der Isar: Genau 300 Jahre nach ihrer Erstaufführung erklang die Kantate hier erneut an ihrem ursprünglichen liturgischen Bestimmungstag, dem 18. Sonntag nach Trinitatis (der damals auf den 20., in diesem Jahr auf den 4. Oktober fiel). Biblischer Ausgangspunkt der Kantate ist die Frage nach dem höchsten Gebot und Jesu Antwort, Gott mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Denken zu lieben. Diese Liebe bleibt jedoch nicht auf die Beziehung zu Gott beschränkt: Jesus verbindet das Gebot der Gottesliebe unmittelbar mit dem der Nächstenliebe. Musikalisch beeindruckt die Kantate nicht zuletzt durch die konzertierende Orgel, die bereits in der einleitenden Sinfonia hervortritt und anschließend in einen lebendigen Dialog mit der Altstimme tritt.
Das letzte Werk führte schließlich zur Liebe zweier Menschen zueinander. „Der Herr denket an uns“ (BWV 196) gehört zu Bachs frühesten erhaltenen Kantaten und entstand vermutlich um 1707/08. Der genaue Anlass ist nicht überliefert; vieles spricht jedoch dafür, dass sie für eine Trauung bestimmt war. Die Kantate basiert vollständig auf vier Versen aus Psalm 115 und beginnt mit der Zusage: „Der Herr denket an uns und segnet uns.“ Zwar spricht der Psalm nicht unmittelbar von der Liebe zweier Menschen, doch erhalten seine Worte im Zusammenhang einer Trauung eine besondere Bedeutung: Zwei Menschen sagen mit ganzem Herzen Ja zueinander und stellen ihren gemeinsamen Lebensweg unter den Segen Gottes. Ihre Liebe darf sich getragen wissen von einer Zuwendung, die über sie selbst hinausweist.
Drei unterschiedliche Perspektiven also, sich mit ganzem Herzen auf eine Beziehung einzulassen: Maria, die Ja sagt zu Gottes Wirken; der Mensch, der sein Herz auf Gott ausrichtet und dies in der Liebe zum Nächsten zum Ausdruck bringt; und zwei Menschen, die Ja sagen zu einem gemeinsamen Lebensweg. Zugleich eröffnen die drei Kantaten unterschiedliche Perspektiven auf das, was Menschen miteinander und mit Gott verbindet: Vertrauen, Liebe und Nächstenliebe.
Auch die drei Konzertorte eröffneten jeweils eigene Zugänge zu diesem Programm. In Freyung war das Konzert Teil der Veranstaltungsreihe „Musica Sacra“ im Rahmen der Bayerischen Landesausstellung „Musik in Bayern“. Johann Sebastian Bach war zwar kein bayerischer Komponist, doch gehören seine Werke längst zur Musikkultur Bayerns und haben über konfessionelle Grenzen hinweg einen festen Platz in Gottesdienst und Konzert gefunden. Damit wird zugleich deutlich, dass „Musik in Bayern“ nicht nur die Geschichte vergangener Jahrhunderte umfasst, sondern bis heute lebendige musikalische Praxis ist. In der Hauskapelle von Spectrum Kirche in Passau stand die geistliche und musikalische Auseinandersetzung mit dem Leitgedanken des Konzerts im Mittelpunkt. In Landau an der Isar wiederum bildete die Aufführung ein Festkonzert zum 300-jährigen Bestehen der Stadtpfarrkirche St. Maria. Damit gewann hier das Programm eine zusätzliche Dimension: Der Lobgesang Mariens verwies unmittelbar auf die Patronin der Kirche, während die beiden anderen Kantaten daran erinnerten, dass eine Kirche nicht allein von ihrer Architektur und Geschichte lebt, sondern von Menschen, die sich mit ganzem Herzen in Glauben und Gemeinschaft einbringen.
Dass Bachs Musik auch nach rund 300 Jahren nichts von ihrer Ausdruckskraft verloren hat, zeigte die begeisterte Aufnahme aller drei Konzerte. Es musizierten Flore van Meerssche (Sopran), Jan Manuel Jerlitschka (Altus), Oliver Kringel (Tenor), Lorenz Schober (Bass), Christian Müller (Orgel) und das auf historischen Instrumenten spielende Orchester La Banda.
In Freyung würdigte die Presse die Aufführung als „Kirchenmusik auf allerhöchstem Niveau“. Das Publikum dankte mit überschwänglichem Applaus und Standing Ovations. Auch das Passauer Konzert fand begeisterte Resonanz. Unter der Überschrift „Musikalische Liebesbeweise“ hob die Rezension insbesondere die Spielfreude und das homogene Klangbild des Orchesters hervor: „So viel Spielfreude hört man selten.“ Ebenso beeindruckten die Gesangssolisten durch Ausdruck, Emotionalität und Textverständlichkeit. Nicht weniger begeistert reagierte das Publikum beim abschließenden Festkonzert in Landau, wo die Aufführung mit herzlichem und lang anhaltendem Beifall aufgenommen wurde. So wurde an allen drei Konzertorten die besondere Verbindung von musikalischer Ausdruckskraft und geistlicher Tiefe unmittelbar erfahrbar.
„Mit ganzem Herzen“ – das war bei diesen drei Konzerten nicht nur das musikalisch-theologische Thema, sondern spiegelte sich auch in der Interpretation der Werke und in der Begegnung mit dem Publikum wider.
Handyvideo vom Konzert in Freyung: KEB Freyung