Rezension
Bernhard Kirchgessner, Bernhard von Clairvaux 1090–1153. Mönch – Abt – geistlicher Meister. Eine Einführung in Vita, Werk und Spiritualität des Zisterziensers
Zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage, Heiligenkreuz: Be&Be Verlag 2026, 224 S., ISBN 978-3-903518-50-6, € 24,90.
Bernhard von Clairvaux „gehört sicher zu den größten religiösen Gestalten des Mittelalters“, wie Papst Benedikt XVI. 2009 feststellte – und zweifellos auch zu dessen vielschichtigsten. Als Gründungsabt von Clairvaux prägte er den Zisterzienserorden maßgeblich und trug entscheidend zu dessen rascher Ausbreitung bei. Als religiöser Schriftsteller, geistlicher Lehrer und Mystiker beeinflusste er die christliche Theologie und Spiritualität weit über seine Zeit hinaus. Zugleich griff er erheblich in die Kirchenpolitik seiner Epoche ein. Bernhard Kirchgessners Einführung stellt sich dieser vielschichtigen Persönlichkeit, legt ihren Schwerpunkt jedoch auf Bernhards bleibende Bedeutung als geistlicher Meister.
Der Untertitel bezeichnet die drei Perspektiven des Buches: Historische Darstellung, Hinführung zu ausgewählten Schriften und theologisch-spirituelle Erschließung werden miteinander verbunden. Kirchgessner möchte „Einblick in Bernhards Vita, Werk und Spiritualität geben und zur eigenen Lektüre und Meditation anregen“. Seine persönliche Nähe zum Gegenstand legt er dabei offen: Er bezeichnet seinen Namenspatron als „persönlichen geistlichen Meister“, dem er seine „eigentliche Bekehrung“ im Jahr 2003 in Fontenay verdanke. Kirchgessners Verbundenheit mit seinem „geistlichen Begleiter“ (alles S. 12) und die Begeisterung für ihn prägen daher Perspektive und Ton des Buches.
Gegenüber der Erstauflage von 2018 mit 142 Seiten und sieben Kapiteln ist die Neuausgabe auf 224 Seiten und neun Kapitel angewachsen. Diese Erweiterung um mehr als die Hälfte zeigt, dass der Dozent für Kirchen- und Ordensgeschichte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz nicht lediglich einen korrigierten Nachdruck vorlegt, sondern die bisherigen Beiträge grundlegend überarbeitet und das Buch um neue Themenfelder ergänzt hat.
So untersucht erstmals ein eigenes Kapitel kritisch die Quellenlage und Genese der Vita sancti Bernardi (S. 17–28). Daran schließt sich die Darstellung von Leben und Werk an (S. 29–74): Bernhard begegnet als Mönch und Abt, Kirchenpolitiker, Kreuzzugsprediger, Mystiker, Wundertäter und – in gegenwärtiger Begrifflichkeit – als „Networker“. Eigene Abschnitte gelten seinem Verhältnis zu den Juden und den Pogromen im Rheinland sowie seiner Wirkungsgeschichte.
Die folgenden Kapitel erschließen die vier Stufen der Gottesliebe (S. 75–98) und den anhand der Hohelied-Predigten entfalteten dreifachen Gotteskuss als Stationen des geistlichen Weges (S. 99–128). Einen zusätzlichen Akzent setzt die Darstellung der Grundlagen von Bernhards Christologie und Anthropologie (S. 129–136): Inkarnation, Gottesebenbildlichkeit und die „Vermählung aus Liebe“ verankern seine Rede von Liebe und Gottesbegegnung in ihrem theologischen Zusammenhang.
Das neue Kapitel „Experto, crede!“ stellt Bernhard als einen Menschen vor, „der Gott erfahren hat“ (S. 137–156). Diese persönliche religiöse Erfahrung und die seiner Mönche, die Bedeutung des suavis, also des „Süßen“, sowie Gottesschau und unio mystica zeigen, dass theologische Erkenntnis für den Zisterzienserabt auf existenzielle (religiöse) Erfahrung zielt.
Stark erweitert wurden die „Mosaiksteine der Mariologie“ (S. 157–180): Anhand der vier Homilien De Laudibus Virginis Matris, als deren „Cantus firmus“ Kirchgessner die Demut bestimmt, werden zentrale Motive von Bernhards Marienbild erschlossen. Das Kapitel gipfelt in der sehr gelungenen Entfaltung des Bildes „Maria, das Aquädukt Gottes“ (S. 174): Durch dieses „Gratiaedukt“ („Gnadenleitung“) kommt „die Gnade Gottes zu uns Menschen [...] und [strömt] unser Gebet zu Gott“ (S. 178f.).
Einen sehr ausgeprägten Gegenwartsbezug liefert das Kapitel „Was Christen heute von Bernhard von Clairvaux lernen könn(t)en“ (S. 181–214). Dreizehn Abschnitte greifen Überlegungen aus seinen Schriften für die heutige persönliche christliche Existenz auf, darunter Gottsuche, Schriftorientierung, Achtsamkeit, Stille, Selbsterkenntnis und Gotteserfahrung bis hin zur unio mystica. Ein kurzes Kapitel über „Hoffnung und Zuversicht“ (S. 215–217) mit Kirchgessners persönlicher Kulmination des Bernhard-Vermächtnisses für die heutige Situation des Christentums rundet das Werk ab. Zeittafel und Literaturhinweise dienen der weiteren Beschäftigung, zu der – wie Ulrich Köpf im Geleitwort hervorhebt – das Buch hinführen will.
Kirchgessner verschweigt Bernhards „Aufruf zum [Zweiten] Kreuzzug“ (S. 49) nicht, möchte aber die „oftmals einseitige Wahrnehmung des Zisterziensers als Kreuzzugsprediger um jene leuchtenden Facetten erweitern, die den Heiligen als Lichtgestalt für die Evangelisierung unserer Tage erscheinen lassen“ (S. 13).
Das Buch will keine spezialwissenschaftliche Monografie sein. Als gut lesbare Verbindung von historischer Einführung, theologischer Erschließung und spiritueller Aktualisierung vermittelt es zentrale Aspekte von Bernhards Denken aus seinen Schriften heraus und fragt nach ihrer Bedeutung für die christliche Existenz heute. Die zweite Auflage bietet dabei einen erheblichen Mehrwert: Überarbeitete Beiträge, die Klärung der Quellenlage, eine stärkere theologische Fundierung sowie die Erweiterungen zu Gotteserfahrung und Mariologie verleihen ihr ein deutlich erweitertes inhaltliches und theologisches Profil. Eine Empfehlung für alle, die Bernhard von Clairvaux in seinen historischen und theologischen Zusammenhängen kennenlernen und sich zur Lektüre seiner Schriften anregen lassen möchten.
Marius Schwemmer
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